Samstag, 16. Juli 2016

Europa und der Krieg

Gestern war ein merkwürdiger Tag. Alles begann mit Tomb Raider von 2013. Ich habe es für fünf Euro während der Steam Summersales erworben und finde es ziemlich gut. Das Waffensystem ist ausbalanciert und Handlung und Action halten sich in Wage. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf spielen, war aber immer noch in dieser Action-Stimmung gefangen.

Einem plötzlichen Impuls folgend schaute ich nach, ob der Film Saving Private Ryan auf Netflix ist. Und tatsächlich - ist er. Ich schnappte mir ein Bier und fing an. Ich kannte den Film bereits, es war aber eine Weile her. Und während die Soldaten die Normandie erstürmten, erinnerte ich mich an etwas anderes.

Als ich klein war, hatte meine Oma immer Geschichten aus ihrer Kindheit erzählt. Für mich waren es Abenteuer. Sie wurde von ihrem Onkel auf einer Mühle großgezogen, in dem windigen, beschaulichen Ostfriesland, in dem ich auch meine eigene Kindheit durchlebte. Sie erzählte von ihrer Familie, der Arbeit, den Tieren und den großen und kleinen Abenteuern.

Und vom Krieg. Sie erzählte von den Kriegsgefangenen, die ihrem Bruder beim französisch Lernen halfen. Von den britischen Besatzern, die ihr einmal das Leben gerettet haben. Von einer Begebenheit im Kuhstall, als sie wütenden, russischen Soldaten begegnete und niemals davor oder danach jemals solche Todesangst verspürte. Von einer Nacht, als eine Bombe so dicht einschlug, dass alle Fenster in der Mühle barsten. Aber niemand wurde verletzt.

Für mich waren das Geschichten. Abenteuer. Und so hatte sie die Geschichten auch erzählt.

Aber viele Jahre später, kurz vor ihrem Tod, geschah etwas, dass viele dieser Geschichten in ein anderes Licht rückte.

Sie war damals schon stark geschwächt. Meine Mutter war bereits täglich da, um sich um das Haus zu kümmern und das Mittagessen zu kochen. Ich war in der Oberstufe und meine Schule nur wenige hundert Meter entfernt, weswegen ich häufig danach vorbeischaute und entweder auf den Bus wartete oder auf meine Mutter.

Und einmal, eines Tages, als sie eine Geschichte aus ihrer Kindheit erzählte, die ich längst kannte, sagte sie etwas, was sie noch nie gesagt hatte.

"Das waren schreckliche Zeiten, in denen wir gelebt haben, Tomke. Sei froh, dass du in Frieden lebst."

Ich muss jetzt, viele Jahre später und zwei Jahre nach ihrem Tod, daran denken. Ich will nicht sagen, dass es die Geschichten meiner Kindheit zerstört hat. Niemals. Im Gegenteil.

Für mich war Krieg ein Abenetuer. Das bedeutet nicht, dass ich nicht auf einer rationalen, logischen Ebene verstand und verstehe, dass Krieg etwas Furchtbares ist. Das bedeutet auch nicht, dass ich mich nicht ohnmächtig und angeekelt und hilflos und furchtbar zornig fühle, wenn ich Bilder von afrikanischen Kindersoldaten sehe.

Aber Krieg - das sind Kindheitsgeschichten, Filme, Computerspiele. Und Nachrichten. Nicht mehr, nicht weniger.  In Europa herrscht 60 Jahre lang Frieden. Eine Generation, mein ganzes Leben lang.

Ich schaute die Hälfte des Filmes, dann war ich gelangweilt, setzte mich nochmal an den PC. Wurde müde, wollte ins Bett.

Türkei trendete auf Twitter. Ankara. Putschversuch.

Krieg. Ich hoffe immer noch, es wird immer eine Kindheitsgeschichte bleiben.